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Mittwoch, 8. April 2020

2/100: Auf der Suche nach dem B


Tag 2. Spätestens heute wird mir klar, dass das Anfangen keinesfalls der Schritt über die Schwelle ist. Mit etwas Glück ist es der Schritt auf die Schwelle, wenn nicht nur das vorsichtige Abheben eines Fußes. Der Moment, in dem das Gehirn den entsprechenden Impuls losschickt. Ein Zucken im Zeh.

Wer A sagt, muss auch B sagen. Diesen Satz las ich, als ich gestern, voller Zweifel über meinen soeben in die Welt gesetzten Anfang, das Internet befragte. Was ich zu finden hoffte, ist mir im Nachhinein nicht mehr ganz klar. Vielleicht Bestätigung, dass mein zögerndes, zaghaftes Beginnen schon irgendwie in Ordnung war. Vielleicht eine Idee, wie es besser zu machen sei gewesen wäre. Oder eben irgendein Einfall, wie es nun weitergehen könnte. Ein B zu meinem A. 

Der obige war ein Satz unter vielen, davon einige (die meisten) ermutigend - solche, in denen man sich ein bisschen einwickelt und sofort besser fühlt. Dann aber auch solche wie "Nichts macht das Leben ärmer als vieles anfangen und nichts vollenden." Angeblich von Christian Morgenstern geschrieben, fand ich den beim ersten Lesen wenig erbaulich, um nicht zu sagen deprimierend. Ein bisschen las sich das wie "Besser gar nicht erst anfangen!". Glücklicherweise habe ich dann aber gegoogelt, was zunächst vor allem als kleiner Faktencheck bezüglich der Urheberschaft gedacht war, dann aber auch sonst ausgesprochen erhellend war, denn natürlich lässt er sich an derselben Stelle noch etwas umfangreicher zum Thema aus (Beweis hier, S. 169):

"Von sich zurücktreten wie der Maler von einem Bilde - wer das vermöchte!
Jeder von uns hat etwas Unbehauenes, Unerlöstes in sich, daran unaufhörlich zu arbeiten seine Lebensaufgabe bleibt.
Darin kann man Tolstoi unbedingt Recht geben: Was man Taugliches wird, wird man in der Regel trotz der Schule, nicht durch die Schule.
Gute Erziehung - ein zweischneidig Schwert. Mancher wird nie ein wirklicher Mensch, ein Mensch von U m f a n g , infolge seiner guten Erziehung.
Suche allem nach Möglichkeiten eine Folge zu geben. Nichts macht das Leben ärmer als vieles anfangen und nichts vollenden.
Aber ebenso gewiß ist, daß wenn auch kein Schuß ins Schwarze trifft, unzählige es wie ein Sternenhimmel umschreiben."

Was ich nun aus der Passage herauslese klingt schon ganz anders:


  • unaufhörlich = Nichts ist jemals fertig (gilt auch für Menschen). Wer lebt ist im Werden, sich weiterzuentwickeln gleichermaßen unausweichbare Pflicht und wertvolle Chance. 
  • Suche allem nach Möglichkeit eine Folge zu geben. = Ein Aufruf zum Dranbleiben: Mach weiter, so gut wie du kannst. 
  • Und dann die Sache mit dem Sternenhimmel, die ja als Bild so schräg wie präzise ist, dass sie eigentlich keiner Entschlüsselung bedarf. Im Grunde das Gegenteil von "Knapp daneben ist auch vorbei."

Ob diese Worte tatsächlich als der Appell zum Weitermachen und als das Plädoyer für den Versuch gemeint waren, die ich darin nun zu erkennen meine? Ehrlich gesagt weiß ich dazu nicht genug über Christian Morgenstern. Ich erinnere mich, dass wir eines (oder mehrere?) seiner Gedichte in der Grundschule lasen und vielleicht sogar auswendig lernten. Genauere Erinnerungen sind über die Jahre verschütt gegangen, aber wahrscheinlich würde ich es wiedererkennen. Jedenfalls ein lustiges.

Mittlerweile habe ich mich etwas "belesen" (wobei die Lektüre eines Wikipedia-Artikels selbstredend nur schwerlich zum Erwerb nennenswerter Expertise taugt, aber besser als nichts). Hängen geblieben ist dabei vor allem die Geschichte, dass Morgenstern sich im Herbst 1897 per Vertrag dazu verpflichtete, für den S. Fischer Verlag Werke von Henrik Ibsen zu übersetzen - ohne Norwegisch zu können! Das spricht ja eigentlich für sich.

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